Gleiche Lösungen trotz ungleicher Ursachen?

Soziale und ökonomische Realitäten unterscheiden sich zwischen verschiedenen Ländern Europas maßgeblich. Dennoch entwickelt die EU für jedes Land ähnliche Programme und Richtlinien. Kann die hohe Jugendarbeitslosigkeit auf diese Weise bekämpft werden? Ein Blick nach Spanien und Deutschland

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 ist es für junge Europäer immer schwieriger geworden, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Doch nicht überall in Europa stehen junge Menschen vor den gleichen Schwierigkeiten.Während Spanien mit 45,3% die zweithöchste Jugendarbeitslosigkeitsquote in Europa besitzt, sind in Deutschland davon nur 7% aller jungen Menschen betroffen.

Diese Unterschiede sind nicht nicht nur statistische. Vielmehr schlagen sie sich konkret im Leben junger Europäer nieder. Zum einen basieren sie auf unterschiedlichen materiellen Bedingungen, wie beispielsweise der Anzahl unbezahlter Praktika (die 60% aller Praktika in der EU ausmachen), der Dauer des Übergangs von Schule zur Arbeitswelt und auf der Instabilität vieler Berufe. Sie sind jedoch auch im sozialen und wirtschaftlichen Gefüges jedes Landes verwurzelt.

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Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit hat sich die EU darauf konzentriert diverse Programme, wie z.B. die Jugendgarantie, einzuführen. Die wirklichen Ursachen, die diesen eher strukturellen Problemen zugrunde liegen, und die sich von Land zu Land unterscheiden, hat sie sich jedoch nicht angenommen.


DEUTSCHLAND
Deutschland ist von hoher (Jugend-)Arbeitslosigkeit nicht betroffen. Im Jahr 2011 lag die Jugendarbeitslosigkeitsrate in Deutschland bei 9%, momentan liegt sie bei 7%. Dennoch gibt es regionale Unterschiede zwischen den Bundesländern, unter anderem abhängig vom Sitz großer Wirtschaftsunternehmen. Einer der Hauptgründe für die hohe Beschäftigungsquote liegt in Deutschlands dualem Ausbildungssystem.

Nach der Beendigung der Schule können sich Jugendliche zwischen einer Lehre, einem Studium oder einer dualen Ausbildung entscheiden. Dieses duale System verbindet berufspraktisches Arbeiten in einer Firma mit theoretischer Ausbildung an einer Hochschule. Außerdem entwickeln sich auf diesem Wege nachhaltige Kontakte zu Unternehmen.

Nichtsdestotrotz ist auch Deutschland nicht immun gegen den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit; auch hier haben jungem gut ausgebildete Menschen mitunter Probleme, Arbeit zu finden. Viele Absolventen müssen zunächst zahlreiche Praktika absolvieren, die jedoch keinen Erfolg bei der Jobsuche garantieren. Die geringe deutsche Arbeitslosenquote schließt die hohe Zahl all derer nicht ein, die im Rahmen von Praktika, Volontariaten oder oder Traineeships beschäftigt sind. Zudem ist in Deutschland die Zahl der Praktika seit 2011 stetig gestiegen und hat im Jahr 2013 ca. 570.000 erreicht. Allerdings nimmt diese Zahl ab, seitdem im Jahr 2015 der Mindestlohn von 8,50€ pro Stunde eingeführt wurde.


SPANIEN
Seit dem Beginn der Krise im Jahr 2008 ist die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien auf ein noch nie dagewesenes Niveau gestiegen und erreichte laut Eurostat im Februar 2016 45,5%. Mehr als 300.000 junge Menschen haben laut der spanischen Organisation Juventud sin Futuro (Jugend ohne Zukunft) das Land verlassen, in der Hoffnung auf bessere Bedingungen im Ausland.
Des Weiteren arbeiten junge Berufsteinsteigende oft unter prekären Umständen, haben – wenn überhaupt – ein nur geringes Einkommen oder müssen unzähligen Praktika ableisten. Folglich haben junge Spanier große Schwierigkeiten, sich eine nachhaltige Kariere aufzubauen, die ihren Bedürfnissen entspricht.

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Seit Spanien 1986 der EU beitrat, wurde der spanische Wirtschaftssektor schrittweise zugunsten des tertiären Wirtschafts- oder Dienstleistungssektors umstrukturiert. Dessen Arbeitsbedingungen sind jedoch wesentlich schlechter in anderen Sektoren, da er hauptsächlich temporäre und saisonale Arbeit umfasst.

Darüber hinaus benachteiligt die spanische Regierungspolitik vor allem Freiberufler und Unternehmer, die besonders hohe Steuern zahlen müssen, wenn sie ein Unternehmen gründen wollen.

Unter anderem aus diesen Gründen leidet Spanien – trotz zahlreicher Rohstoffe und gut ausgebildeter Fachkräfte – an solch einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.


Die in verschiedenen europäischen Ländern eingeführten Sparmaßnahmen, die oft Fragen nach demokratischer Legitimität und Kontrolle aufwerfen, scheitern auch deshalb, weil sie die Besonderheiten der verschiedenen europäischen Arbeitsmärkte nicht berücksichtigen. Diese Maßnahmen stellen sich oft lediglich als eine Art “Ausbesserungspolitik” heraus. So etwa sagt Eric Bonse, EU Experte und Blogger: „Die Jugendgarantie war vor allem eine symbolische Maßnahme – aber nicht mehr als das. Wir bekämpfen damit lediglich die Symptome, aber nicht die Ursachen“.

Konfrontiert mit der Ineffizienz nationaler und europäischer Institutionen, die grassierende Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, haben vielerorts junge Menschen selbst begonnen, alternative Lösungen vorzuschlagen. So etwa ist das Oficina Precaria („Das Prekäre Büro“) eine Organisation zur Beratung von Arbeitnehmenden und Arbeitssuchendn. „Europa geht durch eine Krise, die vor mehr als acht Jahren als Wirtschaftskrise begann, sich auf die Beschäftigung auswirkt und nun zu einer politischen Krise innerhalb der meisten EU-Länder und zwischen ihnen führt. Um dies zu ändern, sollten wir die Werte einfordern, die angeblich europäische sind. Unter anderem gehören dazu Gleichberechtigung und Innovation“, so Eduardo Ocaña, Sprecher des Oficina Precaria. Initiativen wie das Oficina füllen die Lücke, die von traditionellen Gewerkschaften hinterlassen wurden und die in manchen Fällen aufgrund von Korruption und Ineffizienz Vertrauen verspielt haben.

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Obwohl bestimmte EU-Programme, wie beispielsweise die Jugendgarantie, auf Länder mit einer Jugendarbeitslosenrate über 25% abzielen, zeigen die großen strukturelle Unterschiede der Wirtschaftssektoren Deutschlands und Spaniens exemplarisch, dass jedes Land innerhalb der EU von ganz eigenen sozialem und wirtschaftlichen Realität geprägt ist. Der Ansatz, die selbe Lösung auf all die unterschiedlichen Staaten und Ursachen anzuwenden, kann nicht nur eine schlechte Lösung, sondern Teil des Problems sein.

Text und Fotos: Katharina Kurby, Laura Rodríguez Montecino, Emilie Schleich & Carlos Pfretzschner

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